Skinhead Reggae

Dies hier ist eine kurze Beschreibung des Skinhead Reggae, der Musik der Old-School Skins von 1968 bis 1972.

Die Vorläufer der Skins waren, wie die meisten von euch wissen werden, die Mods. Viele ältere Skins oder auch die älteren Brüder der jungen Skins gehörten vorher der Mod Bewegung an. Schon die Mods hörten hauptsächlich schwarze Musik: Rhythm & Blues, Soul und Ska.

Die weißen R & B Bands (wie Spencer Davis Group, the Who, Small Faces) erfreuten sich nur bei einem kleineren Teil der Mods großer Beliebtheit. Weiße britische Popmusik wie die Beatles oder der ganze Hippiescheiß war eher Musik für die Mittelklassenkids. Eine andere Gruppe aus der sich viele Skins rekrutierten, waren die Kinder jamaikanischer Einwanderer. Diese Jungs, die sich Rudeboys nannten (nach den Gangstern aus den Slums von Kingston) hörten die Musik aus der Heimat ihrer Eltern: Ska, Rocksteady und Reggae.

Schon durch die Musik der Vorläufersub-kulturen waren also Soul und Reggae als die Musikstile der ersten Skinheadgeneration vorbestimmt.

Die jamaikanischen Musikstile lassen sich zeitlich und stilmäßig wie folgt gliedern: 1959 bis 1966 Ska, 1966 bis 1968 Rocksteady, ab 1968 Reggae. Reggae löste also im Jahre 1968 den eher langsamen und soulorientierten Rocksteady ab. Das Tempo des Reggae war schneller und der Rhythmus (hauptsächlich durch Bass und Gitarre ge-tragen) stand mehr im Vordergrund. Übrigens, für die unter euch, die bloß irgendwelchen neuen Mode-Reggae kennen: Der Still des Reggae war in den ersten Jahren wesentlich rauher und nicht so soft, wie man es etwa von den mittsiebziger-Jahre Bob Marley Platten kennt. Die Produktionsbedingungen jamaikanischer Musik waren durch die schlechte wirtschaftliche Lage dieses Landes geprägt. Einen guten Einblick in das sehr harte Musikgeschäft in Jamaika um 1970 bietet der Film „The harder they come“ mit Jimmy CIiff in der Hauptrolle. Auch der Soundtrack ist super. Die Situation damaliger jamaikanischer Musiker unterschied sich doch ziemlich stark von denen heutiger europäischer Bands. Meistens war es wohl so, daß ein Produzent sich für einen Song, den er oder ein Auftragsschreiber geschrieben hatte, einen Sänger oder eine Gesangsgruppe suchte. Vokalisten gab es wie Sand am Meer, da viele junge Jamaikaner arbeitslos waren und einen Job in der Musikbranche suchten. Der Song wurde dann mit einer Studioband aufgenommen. Diese Studiobands umfaßten immer einen festen Stamm von Musikern, dieser Band wurde dann aber je nach Label unterschiedliche Namen gegeben. Bei Ska-Aufnahmen waren die Studiomusiker fast immer mehr oder weniger mit den Skatalites identisch. Auch Aufnahmen von Vokalgruppen (Duos oder Trios) wurden unter unterschiedlichen Namen auf Platte gepreßt. Die Musiker sahen kaum etwas von dem Geld das durch ihre Arbeit erwirtschaftet wurde. Auch wenn die Aufnahmen in England ein Verkaufserfolg wurden, gab es für die Sänger und Musiker nur ein paar lausige Jamaika-Dollar.

Die textlichen Inhalte waren zum größten Teil Lovesongs, aber es wurden auch politische Themen aufgegriffen, wie etwa in Jimmy Cliffs „Vietnam“ oder in „Black and white“ von den Pioneers. Eine weitere Textgattung war eher anzüglich, oft auch sexistisch. Vor allem Lloydie and the Lowbites machten sich auf diesem Gebiet einen Namen.

Durch die große karibische Einwanderergemeinde und die neuen weißen Hörer des Reggae (vor allem Skinheads), wurde auch bald in Großbritannien die Nachfrage nach jamaikanischer Musik stärker. Aus diesem Grunde wurden bald auch britische Reggae Labels gegründet. Das größte Label war Trojan (mit einer Vielzahl von Sub-Labeln). Ein weiteres wichtiges Label war Pama. Diese Labels veröffentlichten zuerst nur jamaikanisches Material. Doch bald war die Nachfrage in Großbritannien so groß, daß ein Teil des Materials auch in GB aufgenommen wurde. Teilweise wurden dazu jamaikanische Stars wie Desmond Dekker, Laurel Aitken oder Derrick Morgan nach England geholt. Andererseits wurden aber auch für britische Künstler Reggae Songs geschrieben Zum Beispiel für die Pyramids (eine schwarze ehemalige Soul/R & B Band, welche teilweise mit Eddie Grant zusammenarbeitete). Das in England produzierte Material wurde oft auch auf den Skinhead-Markt zugeschnitten: Zum Beispiel „Skinhead Train“ von Laurel Aitken, „Skinhead speaks his Mind“ von den Hot Rod Allstars oder „Skinhead Revolt“ von Joe the Boss. Am bekanntesten dürfte wohl Symaryp (eigentlich die Pyramids, der Name wurde nur umgedreht) sein, die eine ganze Skinhead-LP namens „Skinhead Moonstomp“ aufnahmen. Neben diesen speziellen skinheadspezifischen Planen, versuchte gerade Trojan auch Reggae für das britische, weiße Mainstream Publikum aufzunehmen. Dabei würde die Musik „geglättet“ und bei den Aufnahmen wurden zum Teil sogar Streicher hinzugefügt: Schmalz-Reggae! Aber natürlich wurde von den Skinheads auch weiterhin hauptsächlich Musik direkt aus Jamaika gehört. Vor allem die etwas härteren rhytmusbezogeneren Instrumental- und Toasting- (ein Vorläufer des Rap-Gesangs) Scheiben hatten es ihnen angetan. Gleichzeitig hatten aber auch soulige Einzelinterpreten und Gesangsgruppen ihre Anhängerschaft.

1969 kann man wohl als den Höhepunkt der Skinheadwelle und des Skinheadreggae betrachten. In England erschienen pro Woche 300 (!) Reggae Singles Aber davon waren natürlich viele auch minderwertige Aufnahmen, mit denen nur schnell Kohle gemacht werden sollte. Die Single machte das gebräuchlichste Veröftentlichungsformat für Reggae aus. Zum einen, weil dies für viele der unzähligen kleinen Labels günstiger war, zum anderen weil proletarische Jugendliche lieber Singles kauften. LPs waren eher eine Angelegenheit für Mittelklassekinder. Klingt bißchen komisch, aber über das Musik-Kaufverhalten von britischen Jugendlichen gibt es tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen.

Reggae war damals übrigens eine Musikform, die hauptsächlich in Diskotheken aufgeführt wurde, Live-Konzerte waren eher selten. Der Diskjockey (im Reggae Selecter genannt, dagegen wurde der Toaster D.J. genannt) war somit einer der wichtigsten Träger und Multiplikatoren der Reggae Musik.

Das Ende der Beziehung von Reggae und Skinheads begann etwa 1971/72. Dies hatte wohl mehrere Gründe: Zum einen gab es nicht mehr so viele Skinheads (viele wurden Suedeheads, später Smoothies), zum anderen sank das Interesse der Skins an Reggae. Ein Grund dafür war, daß Reggae sich veränderte: Die Texte nahmen immer mehr religiöse Themen auf (Rastafari) und das Tempo verlangsamte sich. Der andere Grund bestand darin, daß seit den frühen Siebzigern auch unter Bootboys verstärkt Rockmusik gehört würde (z. B. Slade, die in ihren frühen Jahren als Skinheads rumliefen; aber auch andere Glamrock-Gruppen waren angesagt: Gary Glitter, T Rex, the Sweet). Skinheads und Suedeheads die auch weiterhin schwarze Musik hörten, wandten sich eher dem Soul zu (vor allem in Nord-England).

Die Begeisterung der zweiten Skinhead- Generation für den Two Tone Sound um 1979 läßt sich also durch die Wurzeln der Skinheadbewegung in der jamaikanischen Musik erklären. Bands wie die Specials spielten nicht nur modernisierten Ska, sondern coverten auch alte Skinheadreggae Stücke (zum Beispiel „Monkey Man“, „Skinhead Moonstomp“, „Liquidator“, „Long Shot kick the Bucket“). Auch Stars der ersten Skin Generation hatten um 1979 ein Comeback: Desmond Dekker nahm eine aktualisierte Version seines Hits „Israelites“ auf und auch Judge Dread (der erste weiße Reggae Sänger) veröffentlichte ein paar neue Scheiben.

Auch wenn heutzutage in Deutschland Neo-Ska und Oi! die Szene beherrschen, so gibt es auch hierzulande spätestens seit den achtziger Jahren einige Skinheads die sich auch dem Reggae von 1960 verpflichtet fühlen. Früher, so Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre wurde dieses Thema noch häufiger in Skinheadfanzines aufgegriffen (damals spielte Ska ja auch noch eine größere Rolle). Seit Mitte der neunziger Jahre ist durch die Dominanz von Oi! Skinheadreggae fast vollständig aus deutschen Skinheadfanzines verschwunden. Einzig das Fanzine Millwall Brick hatte sich hierzulande dem Skinheadreggae und dem Spirit of 69 ganz verschrieben. Es ist aber auch vor einigen Jahren eingestellt worden.

Am Schluß mochte ich euch noch ein paar Einstiegsempfehlungen geben. Wenn man das Thema Skinheadreggae voll authentisch nachvollziehen würde, würde dies ziemlich teuer werden. Denn dann müßte man nach England fahren und sich die ganzen alten Original-Singles für ein Heiden-geld besorgen. Billiger ist es, sich mal den einen oder anderen Reg-gae Sampler zu kaufen (siehe unten). Aber wem das immer noch zu kostspielig ist, der kann sich auch eine Billig Reggae CD zulegen. Es gibt viele billige Reggae-Hitsampler, auf denen Material aus den Jahren 69 bis 72 versammelt ist. Die bekanntesten, kommerziell erfolgreichen Reggae Hits aus Skinheadtagen sind ebenfalls unten aufgelistet. Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, dem empfehle ich den Mailorder-Katalog von Moskito. Bei diesem Vertrieb gibt es relativ günstig Skinhead-Reggae LPs und CDs zu kaufen. Wer das Thema intellektuell vertiefen möchte, der besorge sich das Buch „Boss Sounds – Classic Skinhead Reggae“ von Marc Griffiths (erschienen bei ST Publishing, Schottland, 1995). Das Buch ist in englisch geschrieben und bietet nach einer kurzen Einführung eine ausführliche Skinheadreggae Discographie mit informativen Anmerkungen.

So, ich hoffe ich habe wenigstens ein paar von euch für die Musik von 69 begeistern können. Do the Reggae!

Käptn Schw@rzkappe

Erfolgreiche Skinheadreggae-Titel (die man auch auf Billig- und Flohmarkt Samplern findet)

Harry J.: Liquidator
The Upsetters: Return of Django
Desmond Dekker: Israelites
Judge Dread: Big Six
Tony Tribe: Red red Wine
The Upsetters: Live Injection
The Maytals: Monkey Man
The Maytals: 54-36
Simaryp: Skinhead Moonstomp
Jimmy Cliff: Vietnam
Dave & Ansell Collins: Monkey Spanner
Bob & Marcia: Young, gifted & black
The Upsetters: Dollar in Teeth
Scotty: Draw your Brakes (Stop that Train)
Dave & Ansell Collins: Double Barrel
Pioneers: Longshot kick the Bucket

Skinheadreggae Interpreten

Folgend sind einige (natürlich nicht alle) Skinhead-Reggae Musiker aufgezählt. Beachtet bitte, daß diese Musiker oft nicht nur Skinhead-Reggae aufgenommen haben, sondern auch später andere Reggae Stücke oder davor Ska und Rocksteady.

Sängerinnen/Sänger

Laurel Aitken
Derrick Morgan
Jimmy Cliff
Ken Boothe
Lloyd Parkes
Dandy Livingston
Pat Kelly
Hortense Ellis
Winston Francis
John Holt
Alton Ellis
Desmond Dekker
Clancy Eccles
Jackie Edwards
Nora Dean
Rudy Mills
Busty Brown
Eric Donaldson

Gesangsgruppen

Toots & the Maytals
The Maytones
The Bleechers
The Stingers
The Soulmates
The Pioneers
The Hippy Boys
The Slickers
The Versatiles
The Heptones
The Untouchables
The Paragons
Simaryp (aka Pyramids)
The Kingstonians
The Soul Sisters
The Ethiopians
Keith & Tex

Instrumentalisten

The Upsetters (auch als Vokalgruppe)
Sound Dimension
Ansell Collins
Harry J. Allstars
The Supersonics
G.G. Allstars
Tommy McCook
Val Bennet
Joes Allstars (Joe Mansano)
Jackie Mitoo
Rico
Hot Rod Allstars
The Rudies

Toaster (DJs)

I-Roy
Dennis Alcapone
Dave Barker
Lee Perry (auch Sänger und Produzent)
Scotty
King Stitt
Winston Williams
Sir Lord Comic
Dillinger
Prince Jazzbo
Niney the Observer
Samuel the First
Dice the Boss
Herman (Chin Loy)
Big Youth
Andy Capp

Editorischer Hinweis am Rande: Dieser Artikels wurde bereits vor einigen Jahren im Fanzine Revolution Times veröffentlicht. Der Autor hat den Artikel 2001 noch einmal exclusiv für upsetter.de überarbeitet. Es handelt sich hier also nicht um einen „geklauten“ Artikel.

Aber wir haben ihn bei www.upsetter.de geklaut – RASH BB

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