Rocksteady

Rocksteady war die vorherrschende Popmusik in Jamaika in der Zeit von Mitte1966 bis etwa Mitte 1968. Der folgende Text soll in aller Kürze eine kleine Einführung in diesen Musikstil geben.

Ein besonderes Merkmal von Rocksteady sind die sehr harmonischen Melodien und das (im Vergleich zum Ska der Jahre 1959 bis 1965) recht langsame Tempo. Auch verabschiedete man sich von dem beim Ska noch vorherrschenden Offbeat. Die Bläser, die beim Ska noch stark den Rhythmus trugen, wurden beim Rocksteady zurückgenommen und trugen lediglich zur Unterstützung der Melodie bei, wenn sie denn überhaupt noch vorkamen. 

Die Legende beschreibt den Wechsel von Ska zu Rocksteady im Jahre 1966 folgendermaßen: Der Sommer 1966 war in Jamaika so dermaßen heiß, daß man einfach nicht mehr den schnellen Ska tanzen konnte, ohne sich zu überhitzen und übermäßig zu schwitzen. Deswegen wurde das Tempo zurückgenommen und Rocksteady war geboren. Diese Theorie mag einiges an sich haben, aber der Einfluß von US-amerikanischen Soulsongs war auch nicht zu unterschätzen, wie viele Rocksteady-Coverversionen von Soul-Songs beweisen. Besonders die langsame, etwas schnulzige Variante amerikanischen Souls der mittsechziger Jahre stand für Rocksteady Pate.

Obwohl – wie oben erwähnt – Rocksteady in seiner Gesamtheit recht langsam war (besonders im Vergleich zu Ska und Skinhead Reggae), gab es einige Stücke, die etwas schneller waren, so zum Beispiel „Hold you Jack“ von Derrick Morgan („Hold you Jack“ ist übrigens der Riddim, auf dem später das bekannte „Wet Dream“ von Max Romeo aufgenommen wurde). Auch Prince Buster brachte einige Rocksteady Stücke raus, die etwas mehr „Wumms“ hatten, als die meisten Stücke zu dieser Zeit. Aber generell ist Rocksteady langsam und wirkt manchmal sogar etwas kitschig.

Die alten jamaikanischen Produzenten, die schon in den Jahren 1960 bis 1965 für die großen Ska-Hits verantwortlich waren, spielten weiterhin eine große Rolle: Duke Reid (Treasure Isle), Coxsone Dodd (Studio 1) und Prince Buster. Dazu gesellten sich bald neue Produzenten wie Joe Gibbs, Bunny Lee oder Sonia Pottinger. Die Rocksteady Stücke waren durch die Vergleich zum Ska fortgeschrittene Produktionstechnik nun besser im Sound und hatten einen etwas „glatteren“ Klang. Sänger, die bereits in der Ska-Periode erfolgreich waren, konnten ihre Karriere auch mit dem neuen Sound fortsetzen: The Maytals, Derrick Morgan, Desmond Dekker hatten weiterhin Hits und konnten sich nun (wie Desmond Dekker mit „007 Shanty Town“) auch international profilieren. Aber auch neue Künstler betraten mit Rocksteady die Bühne des jamaikanischen Musikgeschäfts: Alton Ellis, Ken Boothe, Phillis Dillon, Marcia Griffiths oder Pat Kelly. Gesangstrios waren wie schon zu Ska-Zeiten sehr beliebt, aber das Vorbild der amerikanischen Soulgesangsgruppen führte auch zu einem Wechsel des Stils. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Paragons, die Melodians, die Ethiopians, die Techniques, die Termites und die Gaylads. Tommy McCook gründete mit den Supersonics eine der wichtigsten Instrumentalgruppen und auch Keyboard-König Jackie Mittoo konnte sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen.

Thematisch war Rocksteady sehr auf Liebeslieder fixiert (wieder nach amerikanischen Soul-Vorbild). Gerade die Rocksteady Superstars wie Phillis Dillon („Perfidia“), Alton Ellis„Remember that Sunday“) und Ken Boothe( „I dont want to see you cry“), aber auch die Gesangs-gruppen bestritten den absolut größten Teil ihres Programms mit Lovesongs, die aber oft so brillant produziert wurden, daß man auch als heutiger Hörer daran seine Freude hat. Gelegentlich gab es auch erste Protestsongs und Kommentare zum sozialen geschehen, wie 1968 „Everything crash“ von den Ethiopians, welches die jamaikanische Wirtschaftskrise und den darauf folgenden Generalstreik zum Thema hatte. Auch die Heptones griffen gelegentlich sogenannte „Reality“ Themen auf. Es gab während der Rocksteady-Periode auch schon einige wenige Rasta-Songs (aber weit weniger als während der Roots Reggae Periode), in denen sozialer Protest und religiöse Rhetorik sich verbanden, besonders Peter Tosh tat sich hier hervor, u.a. mit „Rasta shook them up“.

Eine häufig aufgegriffene Thematik waren die „Rude Boys“. Rude Boys wurden die Kriminellen genannt, deren Banden die Armenviertel von Kingston beherrschten. Zwischen den verschiedenen Rude Boy Banden gab es tödliche Gefechte um die Vorherrschaft in den einzelnen Stadtteilen Kingstons. Die Bewohner der armen Stadtteile hatten besonders unter der Terrorherrschaft der Rude Boys zu leiden. Es gab viele Songs, die das Rude Boy Phänomen verdammten, so zum Beispiel die Gerichtsverhandlungen in Songform, die Prince Buster in seinen Songs um den imaginären Richter „Judge Dread“ erfand. Auch die Rulers warnten „Dont be a Rude Boy“. Andere, wie die Wailers oder auch Lee Perry äußerten Verständnis für die Rude Boys, deren Handlungen sie als Reaktionen auf eine ungerechte Gesellschaft betrachteten. Die Pioneers verstiegen sich sogar zu der Behauptung „Rudies are the Geatest“. Tatsächlich mögen für einige Bewohner der Armenviertel die Rude Boys trotz ihrer Bedrohlichkeit eine Art Gegenmacht zur korrupten Polizei gewesen sein. Viele Interpreten veröffentlichten aber jedoch sowohl Pro- als auch Anti-Rudeboy Songs, je nach Auftraggeber (Duke Reid zum Beispiel hatte durch seine Vergangenheit als Polizist einen extremen Anti-Rude Boy Standpunkt) oder öffentlicher Stimmungslage.

Insgesamt kann man sagen, daß in der Zeit, als Rocksteady die Lawn Dances in Jamaika beherrschte, ein riesiger Schatz an musikalischen Perlen produziert wurde. Obwohl diese Zeit nur etwa zwei Jahre dauerte (Mitte 1966 bis Mitte 1968), wurden eine große Anzahl Tracks in dieser Zeit geschrieben, die in späterer Zeit als mit Sprechgesang versehene DJ-Versions wieder ver-wendet wurden. Selbst einige der heutigen Dancehall-Stücke basieren auf alten Rocksteady-Riddims. Auch die Tempowechsel, der Reggae in den frühen siebziger Jahren ziemlich verlangsamte und die Musik zu „Roots Rock Reggae“ veränderte, wird von einigen als Rückbesinnung auf das alte Rocksteady-Tempo gesehen.

Zum Einstieg in dieses Thema sei auf die qualitativ gute und günstige Compilation Trojan Rocksteady Box Set verwiesen. Hier werden auf drei CDs viele der wichtigsten Rocksteady Stücke präsentiert.

Hier noch eine Liste von guten Rocksteady Stücken (meine ganz subjektive Auswahl, kein Anspruch auf umfassende Relevanz):

  • Prince Buster: Sweet Beat
  • Keith & Tex: Stop that Train
  • Ethiopians: The Whip
  • Melodians: Last Train to Expo 67
  • Jamaicans: Ba Ba Boom
  • Paragons: Only a Smile
  • Alton Ellis: Girl I’ve got a Date
  • Phillis Dillon: Perfidia
  • Derrick Morgan: Hold you Jack
  • Three Tops. It’s raining
  • Soul Brothers: Sound and Music
  • Ken Boothe: I don’t want to see you cry
  • Paragons: Danger in your Eyes
  • Bobby Ellis & the Desmond Miles Seven: Step softly
  • Prince Buster: Dark Street
  • Desmond Dekker: Sabotage
  • Roy Sherley: Hold them
  • Winston Francis: Chain Gang
  • Byron Lee & the Dragonaires: Rock Steady
  • Paragons: On the Beach

 

Quelle: www.upsetter.de

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