Punx & Skins in der Doitschen Demokratischen Republik

„Wir wollten uns den Spass nicht verderben lassen!“

Punk in der DDR gibt‘ s ungefähr seit 1979/80. Ich kann über andere Städte nicht viel sagen. Es gibt viele Gerüchte, aber wenig historisch verbürgte Fakten. Manche behaupten, seit 1977 „dabei“ zu sein, manche sagen sie seien schon mit Iro auf die Welt gekommen…

In Dresden ging es etwas später los. Zwar bin ich schon 1978 durch die Infiltration westlicher Feindsender (John Peel) bzw. durch Hetzartikel in Ostmedien auf Punk aufmerksam geworden und war auch gleich begeistert, weil das damals meiner antiautoritären, nihilistischen Lebenseinstellung sehr nahe kam, aber „punkmässig“ rumgelaufen bin ich noch nicht. Ich hatte keine Ahnung von einer DDR-Punkszene und hätte mir auch nicht vorstellen können, dass es sowas geben sollte.

In Dresden fanden sich ein paar wenige Gleichgesinnte. Es war sehr familiär. Wir begannen bald auf Instrumenten rumzuhacken. Weil keiner Ahnung hatte, war das anfangs recht dilettantisch. Immerhin hatten wir soviel Spass, dass wir uns verbesserten und 1981 unsere erste nennenswerte Band ROTZJUNGEN hatten.

Richtig los ging es, als wir 1982 in Berlin im Kulturpark Plänterwald mit der dortigen Punkszene in Kontakt kamen. Wir lernten Punks aus einigen anderen Städten kennen und fuhren danach auch viel rum. Skins kannten wir zwar vom Hörensagen und aus Ost- und Westmedien, aber eine Rolle spielten sie damals noch nicht. Der erste Skinhead, den ich traf, war der Berliner Ex-Punk Keule (Koile?). Das war, glaube ich, 1983/84. Ungefähr seit dieser Zeit gab es im Kulturpark in Berlin auch eine kleine „Skin-Ecke“. Wenn ich dort war, gabs keinen Stunk. Da anfangs die meisten Skins ehemalige Punks waren, haben sie sich vertragen. Aber es war keine grosse Liebe, denn viele Skins hatten sich von den Punks abgesondert, weil sie die Nase voll von ihnen hatten. Von Unity zu reden, wäre übertrieben gewesen. Im Lauf der Zeit wurde die Distanz auch immer grösser. Freundschaften zwiscehn Punks und Skins waren eher Einzelerscheinungen.

Wie das Leben als Punk/ Skin unter Honni war, wurde ja schon oft beschrieben. Dass die DDR der totale Stasi-Überwachungsapparat war, ist auch bekannt. Punks haben sich schon durch ihr Äusseres als nicht gerade systemtreue Jugendliche zu erkennen gegeben. Da darf es nicht verwundern, wenn sie überall schikaniert wurden. Auch wenn es für viele hauptsächlich darum ging, Spass zu ahben und sich irgendwie kreativ zu betätigen (z.B. Musik machen), wurden sie durch den paranoiden Wahn der Staatsorgane zu Staatsfeinden gestempelt. Jeder, der aus dem gewohnten, durch die Verhältnisse aufgezwungenen Trott ausbrach, war suspekt. Wer keine Lust zum arbeiten hatte, war ein Feind des Sozialismus. Offiziell bemühte man sich, die agnze Sache totzuschweigen. Keine Ostpunks in den DDR-Medien. Bands durften nat&uumkl;rlich auch nicht öffentlich spielen. Da amn sie nicht alle internieren konnte, mussten Punks notgedrungen im Strassenbild geduldet werden. Aber auch nur unter häfigen Repressalien wie Ausweiskontrollen, Platzverboten, willkürlichen Mitnahmne aufs Polizeirevier, etc. Irgendwie lernten wir damit umzugehen. Wir wollten uns den Spass nicht verderben lassen. Wir wussten, wo wir leben und waren einiges gewohnt. Man musste sich halt Nischen suchen. Punkbands konnten zum Beispiel in kirchlichen Einrichtungen oder bei privaten Feiern spielen. Es gab eigentlich fast regelmässig Konzerte. An Wochenenden fanden in kirchlichen Rämen häfig „Bluesmessen“ oder „Friedenswerkstätten“ statt, wo auch meist Punkbands spielen konnten.
Undercover ermittelte die Stasi natürlich fleissig. Es war irgendwie lustig, weil die trotz ihres perfekten Apparates, anscheindend kaum eine Kennung hatten. Sie waren voll davon besessen, in jeden Furz staatsfeindliche Absichten zu interpretieren und legten viel Wert darauf, den Punks zu unterstellen, dass sie Nazis sind. Das war typisch für das engstirnige Feindbild damals: Punker=Klassenfeinde=Nazis. Es war nicht unlustig. Wir konnten viel über die Staatsorgane lachen, auch wenns manchmal nicht nur zum Lachen war.

Ich glaube Skins hatten es anfangs etwas leichter. Sie waren äusserlich nicht so leicht identifizierbar. Vor allem in der Provinz (dazu konnte man fast die gesamte DDR ausser Berlin zählen) wussten die Staatsorgane lange Zeit nichts mit den „ordentlich“ gekleideten Jugendlichen ohne Haare anzufangen. In der Zeit, wo ich haarlos rumlief, hatte ich kein einziges Mal Probleme mit Bullen oder so. Skins fielen einfach nicht so auf. Wenn sie sich nicht gerade öffentlich als Faschos outeten, kriminell waren oder Randale machten, konnte man ihnen nichts anhaben. Okay, ich weiss nicht, wie es anderen ergangen ist, ich kann nur von mir sprechen.

Bandmässig tat sich in Dresden folgendes: Ich spielte von 1983-85 bei PARANOIA, der indirekten ROTZJUNGEN-Nachfolgeband. Ausserdem gab es seit 1984 SUIZID und ein paar unbedeutendere Nebenprojekte. In Dresden gab es damals nie mehr als 20 bis 30 Punks und demzufolge auch wenig Bands.
Wir hatten einieg Kontakte in den Westen. Hauptsächlich zu Fanzine-Machern. Mit ein paar Leuten haben wir uns in Ost-Berlin, Prag oder Budapest getroffen. Einige sind auch nach Dresden gekommen. Wir sind mehrere Male nach Budapest gefahren, um uns mit ungarischen Punks zu treffen. Es war recht merkwürdig da. Beim ersten Mal waren die Leute ziemlich skinmässig drauf. Einige grüssten uns, als sie erfuhren, dass wir Deutsche waren, mit „Sieg Heil“. Sie haben uns dann zwar versichert, dass sie keine Nazis wären. Sie fänden es halt nur „witzig“. Sid hatte ja auch ein Hakenkreuz-T-Shirt an. Allgemein waren die Verhältnisse in Ungarn etwas freier als bei uns. DEshalb soll dort wohl auch punkmässig mehr los gewesen sein. Die Szene war politisch nicht so sehr diskriminiert. Es waren öffentliche Konzerte möglich, es gab Punkplatten in den PLattenläden, Klamotten, etc. Durch unsere begrenzten Reisemöglichkeiten war Budapest sowas wie ein Mekka für uns. Naja, eigentlich waren die Erlebnisse dort sehr durchwachsen, vieles war sehr kommerziell. Am einprägsamsten waren die ungariscehn Poser, die sich kingsroadmässig in der Budapester Innenstadt präsentierten, und die ostdeutschen und tschechischen Punktouristen, die sich in den einschlägigen „szeneläden“ (z.B. „Hankypanky“) von Kopf bis Fuss neu einkleideten.

Zurück zur Dresden- bzw. DDR-Szene: Mit zunehmender Zeit ging uns die nachfolgende Punkergeneration auf den Wecker. Alles nur noch suff, Gepose und Destruktivität. Das war nicht unser Ding. PARANOIA wurde 1985 aufgelöst. Ich gründete daraufhin mit dem PARANOIA-Sänger und zwei SUIZID-Leuten die Fun-Oi-Band CHERUSKERFRONT, die aber nur wenige Monate existierte. Es war eigentlich nur eine Provokation gegen Schmuddelpunks einerseits und gegen irgendwelche deutschtümelnden Dumpfhirne. Einziger Auftritt ausserhalb von Dresden war bei einem Kirchenpunkkonzert in Jena. Obwohl wir eindeutige Texte und Statements gegen Nazis machten, wurden wir vom Jungpunkermob beinahe gelyncht. Zum Glück haben einige „ältere“ Punks, die uns kannten, wie Otze von SCHLEIMKEIM und Speiche, die Wogen etwas geglättet. Höhepunkt des Abends für uns war unsere Coverversion von „Religion“ der Böhsen Onkelz (Waren die damals schon rechts? Na zumindest der Song war okay und wir hatten uns vorgenommen, einen Anti-Kirchen-Song in der Jungen Gemeinde anzustimmen).
Von anderen Oi-Bands hab ich damals nichts mitgekriegt. Es gab wohl mehr Ska-Bands, von denen einige dann später in den DDR-Medien (Jugendradio DT 64) ziemlich gepuscht wurden. Kurz nach der „Wende“ gab es dann den Boom der Nazibands. Ich kann nicht objektiv über die DDR-Skinheadszene berichten. Die Skinszene war eher regional orientiert. So grosse Treffen, wie bei den Punks, waren nicht üblich. Als wir 1985 bei einer Skinheadsfete in Berlin-Mahlsdorf waren, wurden wir angefeindet, weil wir Sachsen waren.

Es war fast unm,öglich als linker Skinhead zu leben. Das hat einem keiner abgenommen. Man sass zwischen allen Stühlen. Die meisten bezeichneten sich als „unpolitische“ Oi-Skins. Es dominierte prolliger Macho-Schwachsinn auf unterstem Niveau. Wenns drauf ankam, krochen die meisten der „Unpolitischen“ lieber den Nazis in den Arsch, als klar Stellung dagegen zu beziehen.

Ich glaube, viele gefielen sich auch in der zwiespältigen Rolle, dass niemand so recht wusste, woran er bei ihnen war und dass sie bei Bedarf ihr Fähnlein nach dem Wind hängen konnten. Ungefähr ab 1988 und vor allem nach der „Wende“ gab es fast nur noch rechte Skins. Vielleicht war es bei manchen eine Trotzreaktion auf die Kommentare der Umwelt. Als Skinhead wurde man ständig von vornherein als Nazi angestempelt und es nervte, immer wieder versichern zu müssen, dass man keiner ist (was dann sowieso nicht geglaubt wurde). Viele fanden es einfach cool. Es wurde zur Mode. An Punks hatte man sich gewöhnt. Die konnten keinen mehr schockieren. Die wurden mittlerweile eher ausgelacht als gefürchtet. Abera ls Naziskinhead war man echt „gefährlich“. Meist waren es Ex-Punks und Ex-Popper oder irgendwelche Fettwänste, die ihre Minderwertigkeitskompexe abreagieren wollten.
Im Lauf der Zeit ging uns dann dieses Szenegetue, egal in welcher richtung, ziemlich auf die Nerven. Wir hatten keinen Bock mehr, uns irgendwelchen vorgefertigten Klischees und Kleiderordnungen unterzuordnen.
1986 gründeten wir KALTFRONT und versuchten UNSER Ding zu machen, auch wenn es musikalisch immer noch Punk war.
Jörg, Dresden

(aus Revolution Times # 5)

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